Freitag, 14. März 2003

    
Ausgabe 2 (von 4)

Liebe Leserin, lieber Leser

Seit Erscheinen der «orgel.news»-Erstausgabe sind 3½ Monate vergangen. Unterdessen wurde die alte Orgel abgebrochen. Die Räumungs- und Vorbereitungsarbeiten erfolgten termingemäss, so dass bereits mit dem Umbau der Orgel-Empore begonnen werden konnte.

 
Rückblick auf die ersten drei Orgel-Anlässe
 
Startgottesdienst am 1. Dezember 2002 

   Adventszeit - Noch 24 Tage bis Weihnachten und noch knapp 365 Tage bis zur Weihe der neuen Orgel. Mit einem besonderen Advents-Gottesdienst wurde das Thema «Zeit der Vorfreude und der Erwartungen» behandelt. Bei dieser Gelegenheit stellte die Arbeitsgruppe „Orgel.03“ - in Anlehnung an den Adventskalender - einen Orgelkalender vor.

Orgel-Workshop am 16. und 23. Januar 2003

  Im Rahmen einer praxisorientierten Informations-veranstaltung weihte Kirchenmusiker Benno Auf der Maur Interessierte in die Geheimnisse der Königin der Instrumente ein. Im Anschluss an den Informationsteil liessen sich die Anwesenden das Gehörte in der Kirche direkt am Objekt veranschaulichen. Zudem durften sie in das Orgelgehäuse steigen und so das fantastische Innenleben dieses interessanten Instrumentes auch praktisch kennen lernen.

16. Februar 2003: Letzter Gottesdienst mit der alten Orgel

   Im Zentrum des Familiengottesdienstes standen die Themen Abschied, Loslassen sowie Aufbruch in die Zukunft. Das Motto «Abbruch zum Aufbruch» verdeutlichte, dass man zuerst vom Alten loslassen muss, bevor Neues in Angriff genommen werden kann.

   Dabei wurde gleich mit dem Abbruch der ersten Orgelteile begonnen, als Kinder auf der Empore einige Holzpfeifen holten und sie in den Chorraum brachten. Zudem übergab der Organist dem Kirchenratspräsidenten symbolisch eine grosse Prospekt-Pfeife, welche Hans Aregger im nachfolgenden Kroaten-Gottesdienst einem Vertreter der Kroatenmission überreichte. Mit einem „Abbruch“-Apéro  wurde das Kapitel «alte Menzinger Orgel» geschlossen. 

                                                                                Max Mahlstein

 
Express: Orgel-Abbruch

Am Montag, 17. Februar 2003  07:30 Uhr wurde mit dem Orgel-Abbruch begonnen. Zu-erst  erfolgte die Demontage der elektr. Leitungen, des unteren Emporenbodens und der oberen Brüstung  ... 

... dann der Abbau des Pfei-fenmaterials, des Prospektes, des Orgelgehäuses und schliesslich der Abbruch des Aufbaus der oberen Empore.

Mittwoch.
Die Orgel ist - bis auf einige wenige Überreste - abgebaut. Der Kirchenraum gleicht einem strukturierten Lagerplatz.

Alles wird genau sortiert und feinsäuberlich verpackt. Die Kisten wurden übrigens aus dem Holz des Emporenbodens  gezimmert.

Freitag, 21. Februar 2003: Um 13:30 Uhr ist alles verpackt, geladen und der Lastwagen zur Abreise bereit. Wohin die Reise ging, entnehmen Sie dem Bericht auf Seite 4. 
                        Fotos: Castor Huser

Inhalt

Rückblick / Express: Orgel-Abbruch

Firmengeschichte Rieger Orgelbau

Neue Orgel: Arbeitsvergebungen

Orgel-Anlässe April bis Juli 2003

Wohin ging die bisherige Orgel?

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Die neue Orgel ist eine «Rieger-Orgel»

   Die neue Menzinger Orgel wird zur Zeit im österreichischen Handwerksbetrieb Rieger Orgelbau in Schwarzach,  Vorarlberg gefertigt. Übrigens, Franz Rieger, geboren 1812, baute 1845 seine erste Orgel. Auf Seite 2 erfahren Sie mehr über die Firmengeschichte dieses Unternehmens seit Gründung im Jahre 1873 durch die Söhne Otto u. Gustav Rieger.


Rieger Orgelbau - Firmengeschichte 1873 bis heute (Kurzfassung)

1873

… gründeten die Söhne des 1812 geborenen Franz Rieger, Otto und Gustav Rieger, die Firma "Franz Rieger & Söhne" in Jägerndorf, Österreichisch-Schlesien.

1874

Phase der raschen Expansion. Aufträge 1874 aus der kaiserlichen Residenzstadt Wien, 1875 aus Ungarn, 1876 aus Norwegen. 1878 waren die Gebrüder Rieger mit zwei Salonorgeln auf der Pariser Weltausstellung. Weitere Aufträge aus Gibraltar, Istanbul, Jerusalem und Rom. 1879 Vergrösserung der alten Werkstätten. Neue Firmenbezeichnung: „Gebrüder Rieger“.

1896

… wurden Otto und Gustav Rieger zu k. & k. Hoflieferanten, 1899 zu Rittern des Franz-Joseph-Ordens. Der Patriarch von Jerusalem ernannte sie zu Rittern des Ordens vom Heiligen Grab.

1900

Um die Jahrhundertwende arbeiteten rund 200 Mitarbeiter im Betrieb. Waren seit 1873 ausschliesslich mechanische Kegelladen gebaut worden, so wurden nun auch bei Rieger pneumatische und elektrische Trakturen eingeführt. Otto Rieger starb 1903, Gustav zog sich ins Privatleben zurück. Sohn Otto Rieger d.J. übernahm die Betriebsleitung. Er war in den folgenden Jahren ein ausgezeichneter Repräsentant des Hauses Rieger und zudem der Meister der grossen Konzertsaalorgeln. 

1909

1909 war Otto Rieger d.J. beim Kongress der Int. Musikgesellschaft in Wien Verfechter eines internationalen Regulativs für den Orgelbau. Dieses Regulativ brachte den ersten grossen Wendepunkt im Orgelbau (man sprach sich für die Schleifwindlade und die mechanische Traktur aus).

Nach dem 1. Weltkrieg fand sich die altösterreichische Firma im jungen tschechischen Staat wieder. Die Absatzgebiete der Donaumonarchie waren politisch völlig neu orientiert. Es folgte eine schwierige Phase der Anpassung, in welcher Otto Rieger d.J. unerwartet verstarb.

1918

… wurde Dipl.Ing. Josef von Glatter-Götz als Betriebsleiter angestellt. Dieser übernahm 1920, sieben Wochen nach dem Tod von Otto Rieger, die Leitung des Betriebes, den er 1924 durch Kauf erwarb. An grössere Orgelbauaufträge war in dieser Zeit nicht zu denken. So konnte der Orgelbau erst 1925 wieder in vollem Umfang betrieben werden.

1920

Die 20iger und 30iger Jahre brachten sehr viel Bewegung in die Orgelbaukunst. Die damit verbundene Vielfalt fand auch ihren Niederschlag im Hause Rieger. So baute man hochromantische Orgeln neben solchen, die von der Orgelbewegung her bestimmt waren. In dieser Zeit wurden Instrumente in grosser Zahl nach dem Baltikum, Finnland und Skandinavien, nach Südamerika, Südafrika, China und Jerusalem geliefert.

1930

Im Laufe der 30iger Jahre traten die Söhne Egon und Josef Glatter-Götz in das Unternehmen ein. Beide hatten im elterlichen Betrieb die Lehre abgeschlossen und an den technischen Hochschulen von Breslau und Berlin studiert.

1943

2. Weltkrieg. 1943-1945 war der Bau von Orgeln auf dem Verordnungswege untersagt. In Jägerndorf wurden Munitionskisten gebaut. Die inzwischen entstandenen Zweiganstalten in Budapest und Mocker (D) versanken in Schutt und Asche.

1945

1945 wurden - aufgrund der Benesch-Dekrete über die Enteignung deutschen Besitztums - Inhaber und Rieger-Mitarbeiter nach Deutschland deportiert. Die enteigneten Werkstätten der Gebrüder Rieger wurden unter dem Namen „Rieger-Kloss“ einem Instrumentenbaukombinat zugeordnet.

1946

Schon vor dem 2. Weltkrieg hatte das Vorarlberger Orgelbauunternehmen Anton Behmann an die Gebrüder Rieger ein Kooperationsangebot gerichtet. So kam Josef von Glatter-Götz (Vater und Sohn) zusammen mit einigen Mitarbeitern und deren Familien, die sich nach und nach wieder zusammen gefunden hatten, 1946 nach Schwarzach in Vorarlberg. Hier pachteten sie die Werkstätten von Anton Behmann. Unter schwierigsten Verhältnissen erfolgten Aufträge für Restaurierungen. Ansonsten hielt man sich durch den Bau von Handwebstühlen, Fenstern usw. über Wasser. Dipl. Ing. Josef von Glatter-Götz starb 1948. Sohn Josef Glatter-Götz hielt - trotz Wirtschaftskrise - am Orgelbau fest.

1950

 … gelang der Sprung über den Atlantik mit einem Positiv von 6 Registern, das an der Weltausstellung in Chicago ausgestellt und verkauft wurde. Anknüpfend an die Jägerndorfer Tradition entwickelte Josef Glatter-Götz eine Serie von Kleinorgeln verschiedener Grösse, mit denen Rieger bald Aufsehen erregte und nach und nach den Durchbruch schaffte. Diese Positive waren eine technische Meisterleistung und gemeinsam mit den inzwischen wieder gebauten grösseren Instrumenten der Zeit weit voraus. Auf diese Weise beeinflusste Josef Glatter-Götz den Orgelbau in Europa und Nordamerika ganz entscheidend. Rieger-Orgeln wurden ein Begriff für klassisch-handwerklichen Orgelbau. Es folgten immer mehr Aufträge, so dass die Werkstätten bald nicht mehr ausreichend Platz boten.

1972

… war es endlich soweit: Ein ebenerdiger Betriebsneubau von 2000 m² sowie eine Montagehalle konnten bezogen werden.

1984

1984 trat Josef Glatter-Götz in den Ruhestand. Er starb 1989, nach einem ereignisreichen Leben, das weltweit bedeutende Spuren im Orgelbau hinterlassen hat. Seine Söhne Raimund Glatter-Götz (studierte Innenarchitektur & Industriedesign - seit 1977 freischaffender Orgeldesigner) und Christoph Glatter-Götz (Ausbildung bei Firma Marcussen og Son in Dänemark - seit 1977 Geschäftsführer der Firma) bilden heute die neue Orgelbau-Generation der Firma Rieger.

Heute

Zwischenzeitlich wurde der Betrieb durch einen Zubau von Pfeifenwerkstatt und Büro-/Sozialtrakt von 700 m² erweitert. So ist genügend Platz für über 40 Mitarbeiter vorhanden. Den Kern der Belegschaft bilden - neben Spezialisten - Gruppen von je ca. 10 Mitarbeitern, die jeweils ein Instrument weitestgehend selbständig vom Plan bis zur fertig montierten Orgel bauen. Auf diese Weise ist die grösstmögliche Identifikation mit dem Instrument gegeben. Darüber hinaus kann so die Hierarchie und die Verwaltung im Betrieb auf ein Minimum reduziert werden.

April
2003

Interessierte der Pfarrei Menzingen erhalten die Möglichkeit, anlässlich eines Werksbesuches bei Rieger Orgelbau hinter die "Kulissen" zu schauen.  Siehe Information/Programm auf Seite 3.

Neue Orgel: Arbeitsvergebungen

Im Zusammenhang mit dem Orgeleinbau sowie Anpassungen der Empore hat der Kirchenrat Menzingen folgende Arbeiten vergeben:

 

Malerarbeiten:                   Gambirasio G., Menzingen
Gipserarbeiten:
                Bau Gips GmbH, Menzingen
Maurerarbeiten:
                Kempf AG, Menzingen
Emporenboden:
               Elsener AG, Finstersee
Elektroarbeiten:
                Weber B., Menzingen
Schreinerarbeiten:
          Barmet H. & P., Menzingen
Fachreinigung Kirche:
  Antonini AG, Stans

 

Anmeldung unter: pfarramt@kg-menzingen.ch

Wohin ging die bisherige Menzinger Orgel?

Podmilacje in Jajce, Bosnien-Hercegovina 

   Mitte Februar 2003 wurde unsere fast 100-jährige Orgel abgebaut. Sie wird neu in Podmilacje in Jajce, Bosnien-Hercegovina an einem viel besuchten und berühmten Wallfahrtsort wieder eingebaut. Dieser Ort liegt zwischen den im Krieg besonders tragisch bekannt gewordenen Ortschaften wie Banja Luka und Mostar. In Bosnien-Hercegovina leben ca. 4 Mio. Menschen, welche sich in 40% Serben, 38% Bosniaken und 22% Kroaten aufteilen. Die Religionszugehörigkeit ist prozentual gleich, nämlich 40% Orthodoxe; 38% Moslems und 22% Katholiken.

Hl. Johannes der Täufer

   Die Wallfahrtskirche in Podmilacje/Jajce ist ebenfalls dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht. Leider ist sie kurz vor Kriegsende von den Besatzungstruppen bei deren Rückzug durch Sprengung vollständig zerstört worden. Anfänglich diente eine Baubaracke als Kirche, eine andere als Pfarrhaus, Pilgerzentrum und Wohnung! Bald wurde der Wiederaufbau an die Hand genommen. Inzwischen steht eine kleinere Kirche am selben Ort.

   Die Bevölkerung wie auch die vielen Wallfahrer sind dankbar für unsere bisherige Orgel, welche in die neu erbaute Kirche im Verlaufe des kommenden Jahres eingebaut wird. Dass dieser Gnadenort eine besondere Bedeutung hat, zeigt sich auch darin, dass sich dort am Namensfest des Hl. Johannes des Täufers, am 24. Juni, jeweils gegen 100'000 Personen zur grossen Wallfahrt betend einfinden.

Impressum

Herausgeber          Arbeitsgruppe „Orgel.03“
Redaktion              Max Mahlstein, Benno Auf der Maur, Castor Huser
Druck                    Multicolor Print AG, Baar
Redaktionsadresse Max Mahlstein, Gutschstrasse 52, 6313 Menzingen
                            email
orgel.news@kg-menzingen.ch

 

   Anlässlich des Familiengottesdienstes vom 16. Februar 2003 wurde der Abbruch der alten Orgel durch die Übergabe einer Orgelpfeife an den Kirchenrat symbolisch vollzogen. Diese Orgelpfeife konnte im anschliessenden Kroatengottesdienst einem Vertreter der Kroatenmission des Kantons Zug übergeben werden. Mit einem starken Applaus dankten die anwesenden kroatischen Mitchristen den Menzingern für dieses grosse Geschenk. Die Freude darüber war echt und sehr herzlich.

   Die Orgel wurde inzwischen fachgerecht durch einen kroatischen Orgelbauer abgebaut. Der bisherige Fussboden der Empore wurde zu Kisten verarbeitet, welche als Behältnisse für die grossen Orgelpfeifen dienten. Den Abbau und Abtransport der Orgel organisierten und bezahlten die Mitglieder der Kroatenmission Zug.

 

   Wir freuen uns, wenn unsere Orgel in Podmilacje/Jajce zur Ehre Gottes neu erklingen kann. Gerne werden wir Sie wieder informieren, wenn der Wiederaufbau beendet sein wird.

  Kirchenrat Menzingen

Copyright © 2003 [Kirchgemeinde Menzingen].

Stand: 14. March 2003